Atelier Wolfgang Kutzner

Der Langsame sieht mehr

Rede zur Ausstellung von Wolfgang Kutzner

Oft bin ich verwundert, wie die verschiedenen Künste aus bildender Kunst und Literatur sich völlig unabhängig voneinander entwickeln und dann doch Übereinstimmungen zeigen, die uns faszinieren. So sagte der französische Avantgardeschriftsteller Georges Perec (1936 - 1982) "Mein Ehrgeiz als Schriftsteller ist es also, ein Schreibprojekt zu realisieren, bei dem ich nie zweimal das gleiche Buch schreibe, oder besser, bei dem ich jedes Mal das gleiche Buch schreibe, aber es jedes Mal in einem neuen Licht erscheinen lasse."

Dieser Satz passt wunderbar zu dem Werk von Wolfgang Kutzner, dessen Arbeiten Sie heute hier in Remagen in der Galerie Artspace sehen. Es sind Bilder, die bald in tastenden Linien sich realen Eindrücken nähern, bald in strengeren Collageteilen die Oberfläche zu versiegeln scheinen, die jedes Mal also das Gleiche in einem neuem Licht erscheinen lassen, aber dabei geht es keineswegs um eine gewollte Vermeidung des Gleichen.

Kein Strich, keine Farbe, ja nicht einmal eine Begrenzung der Papierformate, die der Künstler in diffiziler Collagetechnik einsetzt, werden hier zu einem Déjà-vu-Erlebnis. (um im literarischen Bild zu bleiben, kein Punkt und kein Komma wird achtlos gesetzt)

Der Weg zum Bild ist wie der Pilgerweg zu Fuß ein langer. Am Anfang stehen Wolfgang Kutzners Zeichnungen im Skizzenbuch, denn auf den langen Pilgerreisen ist kaum mehr an Ausstattung möglich. Der Augenblick, der im Atelier nachzuvollziehen ist, muss sich dann ebenso frisch und intensiv wiederholen, wir könnten auch sagen, er muss sich so "rein" wiederholen.

Bei den Collagen hängt es vor allem von den Papieren ab, von Fundstücken oder auch bisweilen von schon verworfenen Zeichnungen. Doch wer könnte schon die Risse und Reißkanten in Papieren voraus festlegen? Einzigartigkeit ergibt sich überall, allein schon durch die Verdickung von aufgetragenen Tuschen oder sogar durch einige unvorhergesehene Spritzer auf dem Papier, dann aber auch durch ein Abschleifen von Farben, die Reduktion, bis sich endlich dieses wundersame Auf- und Abtauchen der Realität ergibt.

Dabei gelingt längst nicht alles: "Ich mache 20 Arbeiten und zwei bleiben nur", sagt der Künstler und wir spüren dabei seinen hohen Anspruch an sich selbst. Aber wir spüren auch: Die Kraft, die der Künstler eingibt, kommt wieder auf den Betrachter zu, allerdings niemals in ungebrochener Powerform, sondern morbide, fragil geworden im langen Prozess der Reflexion.

Der Zufall nimmt dem Künstler nicht das Heft aus der Hand, sondern der Künstler weiß sich macht sich umgekehrt den Zufall. Ein solches Wechselspiel kann nur gelingen, wenn dem eine Haltung zugrunde liegt. Es ist die, staunen zu können und mit diesem Staunen umzugehen in einer eigenen Art von Wachsamkeit. Und in dieser Ausstellung ist das Staunen (metaphorisch) festgemacht am Camino Sant Jago.

"Der Langsame sieht mehr", ist der von Wolfgang Kutzner gewählte Untertitel dieser Ausstellung und in meinen Augen bezieht er sich auf eben dieses Staunen, die Dinge am Wege wahrnehmen und darüber nachdenken zu können. Dazu passt der Pilgerschritt in drei verschiedenen Etappen zu verschiedenen Jahreszeiten auf dem Jakobsweg. Ich kann mir schon vorstellen, dass der Mensch hier - körperlich bis an die Grenzen gefordert- nicht nur die wunderbare Welt um ihn herum, sondern zugleich auch das eigene Innere entdeckt.

"Das Motiv der Langsamkeit", so sagt er selbst, "steht stellvertretend für eine Entschleunigung der Wahrnehmung, die es dem Wanderer ermöglicht, seine Umwelt genauer und intensiver zu erfahren".

Was sehen wir? Es sind die Eindrücke einer alten Kulturlandschaft, die durch das christliche Abendland geprägt sind, aber eben in Wolfgang Kutzners besonderer Art. Da ist beispielsweise der Steinfußboden in Burgos, in einer feinst nuancierten Malerei, die alten Platten einmal sichtbarer, einmal verdeckter, einmal klarer in der Farbe, einmal vergehend und sich auflösend, und wir bekommen ein Gefühl für die Zeiten, die darüber hinweggegangen sind. Wir sehen Schichten und Spuren, die aber nichts vom Verfall an sich haben, sondern eher etwas Warmes Versöhnliches.

Zumeist begegnet Wolfgang Kutzner der Geschichte dieser Dörfer, Burgen und Kirchen, so wie er die Geschichte ja auch in seine pompejanischen Wandgestaltungen einbezogen hat, die er in seinem Brotberuf anfertigt. Bilder aus Pompeji hat der Künstler übrigens 2007 in Burgbrohl in der Galerie Diede in einer Ausstellung gezeigt, und 2008 in der Zahnklinik in Andernach. 2008 war er übrigens mit mythologischen Bildern in der Bonner Theatergemeinde zu Gast.

Zurück zum Camino: Dem Kargen und auch den Entbehrungen antwortet der Künstler auch mit ebenso reduzierten Pinselzeichnungen Sie beziehen sich auf die Geschichte eines Landstriches, in dem sich alles hart und klar erhält im Stein wie in der gotischen Fassade der Kathedrale von Leon.

Majestätisch, gleichwohl schemenhaft, tritt das Kastell von Castrojeriz mit dem Befestigungsturm hervor, darunter ist die Silhouette noch einmal in Biester, nun aber in einem spontanen Umrissen gesetzt. Es scheint um ein Maß zu gehen, das trotz seiner Fragmentierung (in der aussetzenden unterbrechenden Linienführung) zu einem gültigen Wert wird. So etwas wie Geborgenheit wird sichtbar. Und schließlich finden wir darunter eine dritte Wiedergabe, die ein Verblassen im Laufe der Zeit und der Zeiten darstellt.

Die Farben sind sparsam Ton in Ton gehalten. Nachdem der Maler Galizien aber als ebenso grün wie Irland empfand, leuchten die Farben. Das Grün findet sich in einem eincollagierten grünen Papierfleck, gewonnen aus einer authentischen Postpaketumhüllung auf dem Camino . Wir sehen dieses Grün in einer Collage von Calzadilla de la Cueza, einem kleinen Dörfchen mit verfallenen Lehmbauten und einem alten Kloster am Jakobsweg. Betrachten wir das Grün genau, dann sehen wir, dass der Künstler es noch leicht übermalt hat. Das ist es eben, das immer Neue und Andere. Es bricht nun noch einmal in zwei Arbeiten hervor, die der schönen alten Königsstadt Leon mit seiner gotischen Kathedrale gewidmet sind.

Es tritt zurück im stiergeprägten Pamplona in einer Collage aus vielen Einzelteilen, die aber doch viel gebrochener und dunkler alle aufeinander bezogen sind. "Es sind die Farben der Stadt", sagt der Maler, der diesen Ort in der spanischen Region Navarra dunkler erlebt hat. Auf dem langen Weg fallen ihm auch Pilgerweisheiten ein: "Etwas zu machen ohne es zu tun", ist eine, die schon fast an die zenbuddhistischen Koans erinnert. Eine andere: "Früher haben wir im Ozean geplanscht, heute schwimmen wir in Pfützen". Auf den dazugehörigen Zeichnungen sind er selbst und seine Frau Waltraud und sein Sohn Stephen dargestellt, die ihn auf einer dieser Pilgerreisen begleitet haben.

Am Ende aber steht das Ziel, das aber vielleicht gar kein Ziel ist, Santiago de Compostela mit seinen imposanten Türmen. Sie scheinen daneben auf weißem Grund wieder abzutauchen, sich zu entziehen, umgeben von ausblühendem morbidem Braunrot und wir spüren, Wolfgang Kutzner hat uns eine Strecke weit mitgenommen auf einen Weg voller Poesie... wie der oben angeführte Georges Perec so schön sagte: "Leben heißt von einem Raum in einen anderen zu gehen." Das zeigt uns Wolfgang Kutzner heute hier.

Dr. Heidrun Wirth, Kunsthistorikerin